Griechenland und die Eurozone aus Sicht eines Restrukturierungsberaters

Ich bin Restrukturierungsberater. Zumindest arbeite ich als solcher. Ich lebe – finanziell – davon, dass eine Bank feststellt, dass sie einem Unternehmen Kredite gegeben hat, das nicht mehr funktioniert. Diese Bank will nun von mir, dass ich dem Unternehmen wieder auf die Beine helfe. Damit sie ihre Kredite wiederbekommt. Und idealer Weise das Unternehmen weiter besteht. Denn die meisten Mitarbeiter des Unternehmens haben bei der Bank ihre Häuser finanziert.

Wenn ich mir dann anschaue, was da eigentlich los ist und was da genau passiert ist, finde ich fast immer das gleiche: Das Unternehmen war nie wirklich top aufgestellt, aber hat sich „durchgewurschtelt“. Irgendwann hat sich der Markt verändert, der Umsatz stagniert, das Ergebnis sinkt. Der Unternehmer braucht dann Geld und geht zur Bank. Und er bekommt es, trotz der Lage des Unternehmens. Aber die Bank will sein Privathaus als Sicherheit. Der Unternehmer gibt’s her, das Unternehmen ist meistens sein Lebenswerk. Nun hilft auch diese Finanzierung nicht, die Probleme liegen ja im operativen Geschäft, nicht in der Finanzierung. Ein bis zwei Jahre später stehen alle vor dem Abgrund: Die Bank ist sauer, weil das Geld weg ist und hält sich für betrogen, weil ihr guter Wille, auch in der Krise zu finanzieren, zu nichts geführt hat. Der Unternehmer steht vor den Scherben seiner Existenz, weil das Unternehmen so gut wie pleite ist und die Bank ihm jetzt auch sein Privathaus nehmen kann.

Kommt das bekannt vor? Die Griechenlandkrise folgt genau dem Muster: Die Griechen wirtschaften schlecht und kommen in die Krise. Die „Eurozonen-Bank“ hilft ihnen aus, verlangt aber Sicherheiten (in dem Fall nicht in Form von Privathäusern, sondern von Austeritätsmaßnahmen). Ein paar Jahre später: Der Abgrund. Jetzt muss der Berater ran.

In beiden Beispielen geht es um eine Vertrauenskrise. Die lässt sich nicht durch einzelne  Maßnahmen beheben, seien diese nun Mitarbeiterabbau beim Unternehmen oder Mehrwertsteuererhöhungen in Griechenland. Salopp ausgedrückt: Der Karren steckt im Dreck, weil jeder meint, es sei des anderen Verantwortung, ihn da rauszuziehen. Keiner rührt einen Finger, bis nicht der andere den ersten rührt, und zeigt, dass er was tut. Eben weil das Vertrauen fehlt, dass der andere den Karren nicht gleich wieder fallen lässt.

Zwei Dinge sind so gut wie im jeden Fall relativ schnell offensichtlich: Erstens, dass sich der Schuldner grundlegend ändern muss. Zweitens, dass er das nicht aus eigener Kraft schaffen kann; sprich Zeit und daher meistens Geld braucht. Sei es neues Geld oder einen Schuldenschnitt, auch bei Unternehmen gibt es den.

Was also tut der Restrukturierungsberater in diesem Fall? Wie lässt sich das Vertrauen wiederherstellen? Der Berater hilft im ersten Schritt schon qua seiner Rolle: Er genießt das Vertrauen der Bank und schaut genau ins Unternehmen rein. Wichtig dabei: Er ist eben kein Mitarbeiter der Bank, der nur deren Interessen vertritt, schließlich wird er auch vom Unternehmen bezahlt. Er moderiert. Ähnlich, wie es die Schlichter bei festgefahrenen deutschen Tarifverhandlungen tun. Nicht so, wie es die Troika in Griechenland getan hat.

Der zweite Schritt ist: Das Unternehmen muss anfangen, aus eigenem Antrieb und eigener Kraft zu handeln. Nur das umzusetzen, was die Bank vielleicht verlangt, ist aus zwei Gründen Irrsinn: Erstens hat die Bank in der Regel keine Ahnung, was dem Unternehmen konkret hilft, zweitens rennt das Unternehmen den Forderungen der Bank dann immer hinterher. Das Unternehmen muss also seinen eigenen Plan vorlegen und sofort anfangen den umzusetzen und so ein Signal an die Bank senden, dass es sich ändert. Worte, Pläne und Konzepte sind wichtig, reichen aber nicht.

Damit kann das Unternehmen dann im dritten Schritt zur Bank gehen und sagen: „Wir haben schon was getan“. Nicht unbedingt das, was Ihr von uns wollt. Aber das, wovon wir glauben, dass es hilft. Und unser Berater bestätigt, dass das zielführend ist. Idealerweise zeigen sich schon erste Erfolge. Wenn die Bank dann „Nein“ sagt, hat sie den sprichwörtlichen Schwarzen Peter – auch und grade bei den Menschen, die wegen der fehlenden FInanzierung vielleicht ihren Job verlieren und ihre Häuserfinanzierung nicht mehr tilgen können.

Im vierten Schritt hält dann das Unternehmen die Bank regelmäßig auf dem Laufenden über den Status der Umsetzung. Auch hier kann der Berater moderieren.

Ich bin fest überzeugt, dass in diesem Vorgehen zum einen der Grund für die dramatische Eskalation der Griechenland-Krise in den letzten Wochen zu finden ist, zum anderen aber auch der Lösungsweg aus eben dieser Eskalation liegt.

Der Grund ist hier zu finden, weil hier sowohl die Fehler der Europäischen Länder als auch der Syriza-Regierung deutlich werden. Es ist schlicht Irrsinn, als Geldgeber konkrete Maßnahmen zu fordern: Die Verantwortung für die Sanierung liegt beim Schuldner und nur da. Griechenland hätte alle Freiheit der Welt haben müssen, die eigene Sanierung zu planen und umzusetzen. Die Geldgeber hätten immer noch die Macht gehabt, ein Konzept als Ganzes als nicht tragfähig abzulehnen. Andererseits hätte Griechenland und vor allem die Regierung Syriza mit dieser Freiheit verantwortungsvoll umgehen müssen. Dass diese Regierung  ihre eigenen Ideen (Hohe Steuern auf hohe Einkommen, Besteuerung der Kirche, welche Form auch sonst das versprochene „Angehen der alten Eliten“ genommen hätte) noch nicht mal im Ansatz angegangen ist, ist dreifach fahrlässig. Erstens, weil sie als wichtige Sanierungsmaßnahmen Geld in die Kasse spülen, zweitens, weil es als klares Signal an die Geldgeber die Verhandlungen erleichtert hätte, drittens weil es nun mal die Aufgabe einer souveränen Regierung ist, souverän in beiden Wortsinnen zu regieren und die eigene Politik vor dem eigenen Volk zu vertreten. Das Versagen der Regierung Tsipras liegt nicht darin, dass sie gegen den vermeintlichen Willen konservativer Geldgeber eine Linke Politik durchdrücken wollte, sondern dass sie eben diese Linke Politik gar nicht erst aktiv verfolgt hat. Wohl, um eine bessere Verhandlungsposition aufzubauen. Das ist ganz offensichtlich schiefgegeangen und ist grade dabei noch schiefer zu gehen.

Die wie mir scheint einzige Lösung liegt in genau diesem Vorgehen: Wenn die griechische Regierung ein schlüssiges Gesamtkonzept vorlegt und – das ist wichtig – zumindest erste Maßnahmen daraus auch gleich beschliest und umsetzt, würden weitere Verhandlungen tatsächlich unter anderen Vorzeichen stehen. Die Geldgeber würden mit einer Regierung verhandeln, die ihren Refomwillen nicht nur verbal bekräftigt, sondern tatsächlich gezeigt hat.

Ein Berater wäre sinnvoll. Aber er muss, tatsächlich, unabhängig sein. Vielleicht lässt sich in China, den USA oder vielleicht sogar in Afrika jemand finden, der demokratisch unbedenklich ist und von Staatensanierung etwas versteht. Vielleicht ein ehemaliger UN-Generalsekretär oder Bill Clinton. Wenn nicht, dann lieber kein Berater als eine Troika 2.0, der aus Sicht der Griechen schlicht die Legitmität fehlt. Das mögen noch so große Experten sein, ihre Empfehlungen mögen noch so richtig sein: Ohne wenigstens eine Grundlegitimät können sie nichts bewirken und als „Agent der Gegenseite“ ist jede Skepsis nachvollziehbar.

Was noch wichtig ist: Die Geldgeber müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie einer so wieder vertrauenswürdigeren griechischen Regierung tatsächlich Geld geben müssten. Das wäre auch gut so: Genauso wie die Bank im obenstehenden Beispiel mit den Häuserfinanzierungen der Mitarbeiter des Unternehmens ein Interesse hat, weiter ins Risiko zu gehen und das Unternehmen nicht untergehen zu lassen, haben auch die Geldgeber, also wir ein Interesse, Griechenland zu retten.

Wenn Griechenland auch in dem Sinne europäisch werden will, dass es langfristig auf eigenen Beinen steht und den Preis dafür zu zahlen bereit ist, dann ist dies im Sinne des großen europäischen Projektes, das uns nun schon 70 Jahre Frieden bringt. Das sollten, das müssen wir unterstützen. Auch wenn es teuer wird.

 

2 Gedanken zu „Griechenland und die Eurozone aus Sicht eines Restrukturierungsberaters

  1. Bastian

    Guten Tag,

    Prinzipiell ist Ihr Vergleich nicht verkehrt und richtig.
    In diesem Fall haben die Anteilseigner des Unternehmens bzw. die stillen Teilhaber aber jahrelang zum privaten Nutzen Geld aus dem Unternehmen abgezweigt um sich privat zu bereichern. Insbesondere als das Unternehmen anfing zu kränkeln haben viele des oberen Managements Geld weggeschafft.
    Hinzu kommt dass das Unternehmen bereits Bilanzen geschönt hat um überhaupt einen Termin bei der Bank zu bekommen – oder im Falle von Griechenland – der Eurozone beizutreten.

    Diese beiden Sachen sind nicht gerade vertrauenserweckend.

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    1. Johannes Artikelautor

      Voneweg: Juchu, der erste nicht-Spam Kommentar! Danke dafür!

      Zur Sache: Da haben Sie natürlich recht. Aber genau deswegen ist’s eine Vertrauenskrise und derartiges kommt auch in den Restrukturierungsfällen in Unternehmen immer wieder vor. Und meistens müssen sich die Banken eingestehen, dass sie bei den „Schummeleien“ auch weggeschaut haben, genauso wie die anderen Eurozonenländer bei der Aufnahme Griechenlands.
      Die Lösung ist aber die gleiche: Es muss ein klares Signal geben, dass auch die Anteilseigner und das Management das „zur Seite“ geschaffte Geld zum Wohl des Unternehmens einsetzen. Deshalb wäre es ja durchaus sinnvoll, wenn Herr Tsipras die alten Eliten zur Kasse bäte.
      Wenn – und nur wenn – das geschieht, kann auch zusätzliches Geld von außen in die Sanierung fließen.

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